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9、Die fliegende Fremde Eine ...
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Eine Aufzeichnung der Berner Skilehrerin Elsa Roth aus dem Jahre 1967
Erstes Blatt
An meine Nichte Gertrud,
ich sitze hier im Altersheim in Interlaken, der Regen trommelt gegen das Fenster, und die ?rztin sagt, es sei Zeit, meine Papiere zu ordnen, Aber ich ordne nicht. Ich schreibe,Für dich, Gertrud. Du bist sechsundzwanzig und hast dich mir anvertraut, weinend, verwirrt, weil du eine Frau liebst. Du sagtest, es gebe kein Wort dafür in unserem Tal, keine Geschichte, keinen Namen. Du irrst. Es gibt eine Geschichte. Es gibt eine Frau. Und ich werde sie dir nun erz?hlen, von Anfang bis Ende, so wahr ich lebe und so wahr ich sterben werde.
Mein Name ist Elsa Roth, geboren 1906 in Bern, gestorben……nun, noch nicht, aber bald. Ich war Skilehrerin in der Schweiz, in einer Zeit, als Frauen in diesem Beruf noch so selten waren wie schwarze Gemsen. Meine Mutter starb früh, als ich noch ein Kind war, und mein Vater…aber das geh?rt nicht hierher. Was hierher geh?rt, begann im Winter 1926, am Fu?e der Schildhornfluh, dort, wo die Luft so dünn und klar ist, dass man glaubt, man k?nne die Gedanken der Engel h?ren.
Ich war damals zwanzig Jahre alt, ein halbes Kind noch, aber schon lizenziert.die offizielle kantonale Skilehrerlizenz hatte ich 1931 erworben, das ist richtig, aber die Beh?rden waren langsam und die Grenzen flie?end, im Gebirge z?hlt der Schnee mehr als das Papier. Ich unterrichtete auf der Schildhornfluh, einem Berg, den die Einheimischen den “Stuhl des Teufels” nannten, weil seine Spitze wie ein Thron geformt ist und der Wind dort oben so heult, dass man meint, der H?llenfürst pers?nlich schreie seine Befehle.
An jenem Morgen lag Pulverschnee auf den Pisten, so fein und trocken, dass jedes Schwungmachen eine kleine Explosion ausl?ste. Ich stand an der Talstation, meine H?nde in den F?ustlingen, und beobachtete die ankommenden G?ste. Ich kannte sie alle, zumindest vom Sehen. Da waren die Engl?nderinnen mit ihren gest?rkten R?cken und ihren steifen Knien, die Wiener M?dchen mit ihren koketten Hüten und ihren perfekten, leblosen Kurven, und die Schweizer Bauernst?chter, die so gerade auf den Brettern standen, als trügen sie einen Heuballen auf dem Kopf.
Dann sah ich sie.Sie trug eine gelbe Jacke, ein Fleck Sonnenschein in diesem wei?en, wei?en Land. Ich hatte so etwas noch nie gesehen,diese Farbe, dieses Gelb, das nicht schreiend war und nicht blass, sondern leuchtend, wie die Butterblumen im Frühjahr auf der Alp. Ihre Hosen waren schwarz und eng, ihr Haar kurz und gewellt.Sie stand nicht in der Schlange vor dem Anf?ngerhang,Sie stand am Fu?e des Schildhornwegs, der schwarzen Piste, die selbst erfahrenen Fahrern den Schwei? auf die Stirn trieb.
Ich ging zu ihr. Das war meine Pflicht, sagte ich mir. Ich war die Lehrerin hier, ich kannte den Berg, ich hatte die Verantwortung.“Die Piste ist gef?hrlich”, sagte ich auf Deutsch. Dann, weil ihr Gesicht mir so fremd vorkam, so anders, soostasiatisch, sagte ich es auf Englisch nach: “This slope is not for beginners. You should start on the blue run, like everyone else.”Sie drehte sich zu mir um, Ich erinnere mich an ihre Augen,dunkel, tief, mit einem Glanz darin, den ich nicht einordnen konnte, Sp?ter lernte ich, dass es das Licht der Unerschrockenheit war, das Licht einer Frau, die alles schon verloren hatte und deshalb nichts mehr fürchten musste.
“Ich m?chte es versuchen”, sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber fest. Keine Spur von Z?gern. Keine Bitte um Erlaubnis.Und dann…dann stie? sie sich ab.
Zweites Blatt
Ich bin mein Leben lang Skirennen gefahren, habe die Schweiz bei Wettk?mpfen vertreten, habe den Schweizerischen Damen-Skiklub mitbegründet, habe die nationale Verbandspolitik fast fünfunddrei?ig Jahre lang mitgepr?gt. Ich dachte, ich h?tte alles gesehen. Ich hatte mich geirrt.
Die Frau in Gelb,ihren Namen wusste ich noch nicht……flog die Piste hinunter,Nein, nicht flog,Sie stürzte,Sie taumelte. Ihre Knie waren zu eng, ihre Hüften zu steif, ihre Stockführung eine Katastrophe. Ein Skilehrer würde sagen: technisch miserabel. Aber,und hier liegt der Kern der Sache,sie wollte fallen. Sie suchte den Sturz, sie forderte ihn heraus, sie machte aus jedem Beinahe-Unfall einen Tanz, aus jedem Straucheln einen Triumph.
Ich lief ihr nach. Das war nicht mehr professionelle Verantwortung. Das war etwas anderes. Etwas, wofür ich kein Wort hatte.Sie nahm den steilsten Hang in voller Fahrt, ihre Skier schlugen Funken aus dem Firn, der Schnee stob in einer Wolke um sie herum, und pl?tzlich……pl?tzlich lachte sie. Ein Lachen, das durch den Wind schnitt wie eine Klinge, hell und scharf und v?llig verrückt. In diesem Moment verga? ich, dass ich ihre Lehrerin war. In diesem Moment war ich nur noch eine Frau, die eine andere Frau dabei beobachtete, wie sie die Gesetze der Schwerkraft auslachte.
Sie stürzte nicht, Sie flog.Am Fu? der Piste blieb sie stehen, atemlos, die Wangen rot vor K?lte und Anstrengung, und drehte sich zu mir um. Dieses L?cheln……dieses L?cheln werde ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen. Es war kein L?cheln des Stolzes oder der Erleichterung. Es war ein L?cheln der reinen, unverdünnten Freude. Das L?cheln einer Frau, die gerade entdeckt hatte, dass ihr K?rper mehr konnte, als sie je geglaubt hatte. Dass sie mehr war als das, was die Welt aus ihr gemacht hatte.
Ich stand da wie angewurzelt, meine Skier kreuzten sich vor Schreck, und ich, Elsa Roth, die ihren ersten Abfahrtssieg mit vierzehn holte, die nie zitterte, nie zauderte, nie“Sie sind gut”, brachte ich heraus,“Aber Ihre Technik……”
“Ich wei?”, unterbrach sie mich. “Ich habe nie Unterricht gehabt. In meinem Land……In meinem Land lernen Frauen nicht Ski zu fahren. Sie lernen, stillzusitzen und zu l?cheln, w?hrend die M?nner reden.”Ich schwieg. Was h?tte ich sagen sollen? Dass ich aus Bern kam, wo die Frauen schon seit Generationen Ski fuhren? Dass meine Mutter, bevor sie starb, mich auf ihren Schultern den Berg hinuntertrug? Dass ich nie darüber nachgedacht hatte, wie viel Glück ich hatte, in diesem Land, in dieser Zeit, mit diesem K?rper?
“Mein Name ist Huang Yifan”, sagte sie und streckte mir die behandschuhte Hand entgegen,“Aus China. Shanghai.”“Elsa Roth”, erwiderte ich. “Aus Bern. Schweiz.”Wir standen da, zwei Frauen auf Skiern, eine in Gelb, eine in Schwarz, und der Wind pfiff um uns herum, und irgendwo in der Ferne l?utete eine Kuhglocke, und ich dachte: Das ist der Beginn von etwas,Ich wusste nur noch nicht, wovon.
Drittes Blatt
Sie kam am n?chsten Tag wieder. Und am Tag danach. Und am Tag danach.Zuerst dachte ich, es sei der Sport, der sie anzog,die Herausforderung, das Risiko, das Gefühl des Fliegens. Aber nach einer Weile merkte ich, dass es etwas anderes war.
Eines Morgens, als der Nebel so dicht war, dass man die eigene Hand nicht sah, stand sie vor meiner Hütte, einen Geldschein in der Hand,Schweizer Franken, neu und knisternd,und sagte: “Ich m?chte Sie engagieren. Als Lehrerin. Bezahlung im Voraus, für drei Monate.”Das war ungew?hnlich. Die meisten G?ste zahlten wochenweise, manche t?glich, aber niemand……niemand zahlte drei Monate im Voraus, schon gar nicht in bar.“Das ist nicht n?tig,Wir k?nnen……”“Ich bestehe darauf”, unterbrach sie mich. Und dann, mit einem L?cheln, das halb schelmisch und halb traurig war: “Ich wei? vielleicht nicht, wie lange ich noch hier sein werde. Die Zukunft ist unsicher für eine Frau wie mich.”Ich nahm das Geld. Was h?tte ich sonst tun sollen? Es war mehr, als ich in einem ganzen Winter verdiente. Und au?erdem……au?erdem wollte ich sie wiedersehen. Das gab ich mir damals nicht zu, aber heute, im Rückblick, sehe ich es klar: Ich wollte sie wiedersehen, weil ich noch nie jemanden getroffen hatte, der so war wie sie. So frei. So unerschrocken. So…anders.
In den ersten Wochen konzentrierte ich mich auf die Technik. Wir übten die Grundlagen: die Hocke, den Pflug, die parallele Schwünge. Sie war eine schlechte Schülerin,ungeduldig, eigenwillig, immer versucht, die n?chste Stufe zu überspringen, bevor sie die vorherige gemeistert hatte. Aber sie war auch die lernf?higste Person, die mir je begegnet war. Einmal gezeigt, einmal erkl?rt, einmal vorgemacht,und sie konnte es. Nicht perfekt, nicht elegant, aber mit einer Intuition, die mich jedes Mal aufs Neue verblüffte.“Wo haben Sie das gelernt?” fragte ich sie eines Tages, als sie eine steile Passage mit einer Geschmeidigkeit nahm, die selbst mich überraschte. “DieseBewegung……das ist nicht etwas, das man einfach so kann. Das braucht Jahre der ?bung.”Sie lachte. “Ich habe nie gelernt, stillzusitzen. Vielleicht ist das dasselbe.”
Eines Abends, als wir nach einem langen Trainingstag in der Hütte sa?en, Tee tranken und den Schneefall beobachteten, bemerkte ich etwas Merkwürdiges. Ihre Fü?e…sie waren winzig,So klein, dass sie kaum in ihre Skischuhe passten, und die Schuhe selbst waren viel zu gro? für ihren K?rper, Es sah aus, als würde ein Kind in den Stiefeln seiner Mutter herumlaufen.
Ich sagte nichts,Aber sie sah meinen Blick.“Du fragst dich, warum meine Fü?e so klein sind”, “Es geht mich nichts an.”“Es geht dich etwas an,Weil es dir etwas über mich sagt,?ber die Welt, aus der ich komme. Ich wurde als Baby gefesselt,meine Fü?e wurden bandagiert, die Zehen nach unten gebogen, die Knochen gebrochen, alles, um sie klein und zierlich zu halten, wie Lotusblüten. In meinem Land glaubte man, dass kleine Fü?e sch?n seien, Dass Frauen mit gro?en Fü?en keine M?nner finden würden. Also haben die Mütter ihren T?chtern die Fü?e gebrochen, aus Liebe. Oder aus Angst. Ich wei? es nicht mehr genau.”Sie zog die Schuhe aus und zeigte mir ihre Fü?e,Ich sah die Narben, die Verformungen, die Spuren einer Gewalt, die ich mir nicht vorstellen konnte. Ich hatte von solchen Br?uchen geh?rt,Gerüchte, die durch die Zeitungen geisterten, Geschichten, die man für übertrieben hielt. Aber hier, vor mir, war die Wahrheit. Zwei Fü?e, so klein wie die einer Puppe, gezeichnet von Schmerz und Tradition.
“Und trotzdem f?hrst du Ski”, sagte ich leise.“Eben deshalb,Weil sie mir die Fü?e gebrochen haben, aber nicht die Seele. Und weil ich ihnen zeigen will,ihnen allen,dass Lotusblüten auch fliegen k?nnen.”
In jener Nacht schlief ich nicht. Ich lag in meinem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, und dachte an diese Fü?e, an diese Frau, an die Welt, die sie geformt hatte, und an die Welt, die sie sich selbst geschaffen hatte. Ich wusste nicht, dass ich mich in diesem Moment bereits verliebt hatte. Ich wusste nicht einmal, dass es m?glich war, sich in eine Frau zu verlieben. Aber ich wusste, dass etwas in mir zerbrochen war und dass etwas Neues an seiner Stelle wuchs.
Viertes Blatt
Die Wochen vergingen,Der Schnee wurde tiefer, die Tage kürzer, die N?chte l?nger.
Huang Yifan,so nannte sie sich, obwohl sie mir sp?ter sagte, dass ihr ursprünglicher Name Huang Suqiong gewesen sei, ein Name, der ihr nicht gefiel, weil er zu sehr nach den konfuzianischen Tugenden klang, mit denen man Frauen zu fesseln versuchte. Sie sei nach Frankreich gegangen, um Kunst zu studieren,?lmalerei, Bildhauerei, all das, was ihr in der Heimat verwehrt geblieben war. Sie habe Englisch gelernt, Franz?sisch, etwas Italienisch, und……sie lachte, als sie es sagte,auch Rumantsch, diese seltsame r?toromanische Sprache, die nur noch ein paar tausend Menschen in den Bündner Bergen sprachen.“Du sprichst Rumantsch?” fragte ich ungl?ubig,Ich selbst beherrschte es kaum.
meine Mutter war eine B?uerin aus dem Engadin gewesen und hatte es mit mir gesprochen, aber nach ihrem Tod war die Sprache verstummt, versiegelt in einem Grab, das ich nie wieder ?ffnen wollte.
“Ein wenig,Ich habe es mir selbst beigebracht, aus Büchern. In den Bibliotheken von Paris gibt es alles, wenn man nur lange genug sucht.”Und dann, zu meinem gr??ten Erstaunen, begann sie, mir die Sprache beizubringen. Die alten W?rter, die ich vergessen hatte, die Grammatik, die mir nie richtig beigebracht worden war, die Redewendungen, die meine Mutter benutzt hatte, wenn sie mich in den Schlaf sang.
La naiv seh imponenta sco la naiv, der Schnee ist so majest?tisch wie der Schnee. Ein Satz, der keinen Sinn ergibt und doch alles sagt.“Woher wei?t du das?” flüsterte ich.“Ich habe deine Mutter nie gekannt,Aber ich kenne den Schmerz, eine Sprache zu verlieren. Und ich wei?, wie es sich anfühlt, wenn jemand kommt und sie dir zurückgibt.”
In jener Nacht weinte ich,Nicht aus Trauer, nicht aus Schmerz,sondern aus einer ?berw?ltigung, die ich nicht benennen konnte. Diese Frau, diese Fremde, diese Gelbe im wei?en Land, hatte mir etwas geschenkt, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich es vermisste. Sie hatte meine Mutter zurückgebracht, in Worten, in Lauten, in der Melodie einer Sprache, die ich für immer verloren geglaubt hatte.“Warum tust du das?Warum gibst du so viel von dir?”Sie sah mich an, lange, mit diesen dunklen Augen, in denen das Feuer der Butterblumen brannte. “Weil du die Erste bist, die mich fragt, wer ich bin, und nicht, was ich bin. Die M?nner,sie sehen meine Fü?e und sehen eine Kuriosit?t. Sie sehen mein Gesicht und sehen eine exotische Beute. Aber du,du siehst mich. Und das habe ich mein ganzes Leben lang gesucht,Jemanden, der mich sieht.”
Wir schwiegen, Der Schnee fiel, Die Welt war wei? und still,“In meinem Land gibt es ein Sprichwort,Nǚ wéi zhījǐ zhě róng. Eine Frau schmückt sich für den, der sie versteht. Aber ich glaube, das ist falsch,Eine Frau schmückt sich nicht für andere,Eine Frau schmückt sich für sich selbst. Und wenn jemand kommt, der sie versteht, dann,dann schmückt sie sich nicht mehr. Dann ist sie schon sch?n genug.”
Fünftes Blatt
Sie wollte wissen, wie weit sie gekommen war.
Ich warnte sie, Der Wetterbericht sprach von einem Sturm, der aus dem Norden kam, von starken Winden und schlechter Sicht. Die Veranstalter z?gerten, das Rennen abzusagen, aber sie waren sich nicht sicher. Der Himmel war noch blau, die Sonne schien, der Schnee glitzerte…vielleicht würde der Sturm vorbeiziehen.
Er zog nicht vorbei.Am Morgen des Wettkampfs wachte ich auf und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte,Die Luft war zu still, zu schwer. Die V?gel schwiegen, Sogar die Kühe, diese ewigen.unermüdlichen L?rmmacher der Alpen, hielten den Mund.
Ich trat vor die Hütte und sah den Himmel,grau, nicht das sanfte Grau eines Schneetags, sondern das düstere, bedrohliche Grau eines Gewitters, das sich über den Bergen zusammenbraute.
Ich lief zur Talstation. Huang Yifan war schon da, ihre gelbe Jacke leuchtend in der D?mmerung, ihre Skier über der Schulter.
“Das Rennen ist abgesagt,Der Sturm kommt,Alle G?ste werden gebeten, den Berg zu verlassen.”“Ich bleibe.”“Das ist Wahnsinn!Die Sicht wird auf null sinken, der Wind wird dich umwerfen, du wirst die Piste nicht sehen, du wirst……”“Ich werde fahren,Ich werde fahren, und du wirst mir folgen,Weil du wei?t, dass ich es kann.”Sie wandte sich um und stieg in die Gondel.
Ich stand da, sprachlos, wütend, ver?ngstigt……und dann, weil ich keine andere Wahl hatte, stieg ich ihr nach.Der Sturm kam schneller, als ich gedacht hatte. Oben auf dem Berg war die Welt verschwunden. Kein Himmel, keine Erde, keine B?ume, keine Grenzen,nur wirbelnder, peitschender, schneidender Schnee, der einem die Haut vom Gesicht riss und die Gedanken aus dem Kopf blies. Die Sicht betrug vielleicht fünf Meter, vielleicht weniger. Die Markierungen der Piste waren verschluckt, die Pfosten umgestürzt, die Seile zerrissen.
Ich schalt mein Funkger?t ein. “Huang Yifan! Komm zurück! Es ist zu gef?hrlich!”Ihre Stimme kam knisternd durch den ?ther, leise, aber klar: “Hab keine Angst. Ich kann das.”Und dann…Stille.Ich rannte,Ich wei? nicht, wie lange. Ich wei? nicht, wie weit. Ich wei? nur, dass meine Lungen brannten, meine Beine schmerzten, meine Augen tr?nten von dem Schnee, der mir ins Gesicht peitschte. Ich rief ihren Namen, immer wieder, aber der Wind fra? meine Worte, spuckte sie aus, zerriss sie in tausend Stücke.
Und dann…dann sah ich sie.Sie lag im Schnee, ihre Skier hatten sich gekreuzt, ihr K?rper war halb versunken in einer weichen, tückischen Wehe. Für einen Moment dachte ich, es sei vorbei, Dass der Berg sie besiegt hatte,Dass die Natur st?rker war als dieser kleine, gelbe Fleck im wei?en Nichts,Aber dann bewegte sie sich.Sie rappelte sich auf, langsam, mühsam, mit einer Kraft, die ich nicht für m?glich gehalten h?tte. Ihre H?nde gruben in den Schnee, ihre Beine stemmten sich gegen den Widerstand, ihr Atem kam in sto?weisen Wolken aus ihrem Mund. Sie stand auf. Sie richtete ihre Skier. Sie atmete tief ein……und stie? sich ab.Der Sturm tobte um sie herum,Der Schnee peitschte ihr ins Gesicht,Die K?lte biss in ihre H?nde, ihre Fü?e, ihre Wangen, Aber sie fiel nicht wieder.Sie k?mpfte, Jeder Schwung war ein Kampf, jede Kurve ein Sieg, jeder Atemzug ein Triumph. Sie sah aus wie eine Kiefer im Sturm,gebogen, aber nicht gebrochen. Geknickt, aber nicht gef?llt.
Ich lief hinter ihr her, so schnell ich konnte. Meine Erfahrung, meine Technik, mein ganzes K?nnen,all das z?hlte nicht mehr. Ich war nicht mehr ihre Lehrerin,Ich war nur noch eine Frau, die einer anderen Frau dabei zusah, wie sie das Unm?gliche m?glich machte.
Der Sturm lie? nach, so pl?tzlich, wie er gekommen war. Die Wolken rissen auf, und die untergehende Sonne tauchte die ganze Welt in ein flammendes Rot. Der Schnee leuchtete wie Blut, der Himmel wie Feuer, die Berge wie vergoldete Kronen.Und dort, am Ende der Piste, langsam, schwebend, fast t?nzelnd, kam sie in Sicht.
Huang Yifan. Gelb. Klein. Unbesiegbar.Sie glitt bis zu mir, blieb stehen, schnallte die Skier ab,Ihr Gesicht war rot gefroren, ihre Haare mit einer dünnen Eisschicht überzogen, ihr Atem kam in kurzen, keuchenden St??en. Aber ihr Rücken war gerade,Ihre Schultern waren zurück. Ihre Augen、diesedunklen, tiefen, brennenden Augen,sahen mich an, und in ihnen stand geschrieben: Ich habe es geschafft.
“Du siehst,Der Wind ist still geworden,Und ich bin hier.” Dann lachte sie, Dieses Lachen. Dieses helle, scharfe, verrückte Lachen. “Jetzt bin ich wirklich eine Skifahrerin, nicht wahr?”Ich konnte nicht sprechen,Meine Kehle war zugeschnürt, meine Augen brannten, mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, es würde meine Brust zersprengen. Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel: Ich umarmte sie.Sie war so klein in meinen Armen. So warm. So lebendig.“Ich dachte, du stirbst.”“Ich sterbe nicht,Dafür habe ich zu viel erlebt. Und zu viel, was ich noch erleben will.”Sie l?ste sich aus meiner Umarmung und sah mich an, lange, forschend, als suche sie nach etwas in meinem Gesicht. “Bleib heute Nacht bei mir,Ich m?chte dir etwas zeigen. Etwas, das ich noch niemandem gezeigt habe.”
Sechstes Blatt
In jener Nacht,erz?hlte sie mir von ihrer Kindheit.
Sie war eine Tochter zweier Mütter, sagte sie. Die eine war die offizielle Gattin ihres Vaters, eine vornehme Dame aus gutem Hause, die sie nie wirklich geliebt hatte, aber immer beschützt, immer versorgt, immer in die richtige Gesellschaft geführt. Die andere,ihre leibliche Mutter,war eine B?uerin aus der Provinz Hunan, als Konkubine gekauft, weil die Gattin keine Kinder geb?ren konnte. Diese Mutter war gestorben, als Huang Yifan noch ein S?ugling war, Sie hatte kein Foto von ihr, kein Andenken, nicht einmal einen Namen,nur die Gewissheit, dass diese Frau existiert hatte und dass ohne sie Huang Yifan selbst nicht existiert h?tte.“Zwei Mütter.Die eine gab mir den Namen, den Status, die Sicherheit. Die andere gab mir das Leben, die Sehnsucht, den Drang, fortzugehen. Beide haben mich gepr?gt. Beide haben mich gefangen gehalten,die eine in Konventionen, die andere in der Abwesenheit. Und ich musste beiden entkommen, um ich selbst zu werden.”
Ich h?rte zu, stumm, mit angehaltenem Atem.
Sie sprach von ihrer Hochzeit mit einem Mann, den sie nicht liebte, von zwei Kindern,einer Tochter und einem Sohn,die sie zurücklie?, als sie nach Europa floh, von dem Skandal, der ihr folgte, von den Blicken, den Flüstern, den Urteilen.“Die Leute nennen mich eine schlechte Mutter,Vielleicht haben sie recht. Ich war nicht da für meine Tochter, als sie mich brauchte. Ich schickte Geld, ich schickte Briefe, ich schickte Ratschl?ge,aber ich schickte nicht mich selbst,Weil ich nicht wusste, wie man Mutter ist,Weil mir nie jemand beigebracht hatte, wie man liebt, ohne sich selbst zu verlieren.”Sie schwieg. Der Tee dampfte, Der Schnee fiel.
“Aber ich bereue nichts, Wenn ich geblieben w?re, w?re ich gestorben. Nicht k?rperlich, aber in jeder anderen Hinsicht. Ich w?re die Frau geworden, die man aus mir machen wollte,still, gehorsam, unsichtbar. Stattdessen bin ich hier. In den Alpen. Auf Skiern. Mit dir. Und das, glaube ich, ist mehr, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben erreichen.”In jener Nacht schlief ich in ihren Armen. Und ich wusste,endlich, endlich wusste ich,dass ich sie liebte,Nicht als Freundin, nicht als Schülerin, nicht als Reisende, die eines Tages weiterziehen würde,Sondern als das, was sie war: ein Mensch, der mein Herz berührt hatte, so tief und so fest, dass nichts ihn je wieder l?schen konnte.
Siebtes Blatt
Die n?chsten Monate waren die glücklichsten meines Lebens.
Wir fuhren Ski, wir wanderten durch die Berge, wir sa?en in Hütten und tranken Tee und redeten über alles und nichts. Sie zeigte mir ihre Zeichnungen,Skizzen von Bergen, von B?umen, von mir, die ich nie für sch?n genug gehalten hatte, um gezeichnet zu werden. Sie spielte Klavier in der kleinen Kapelle des Dorfes, ihre Finger flogen über die Tasten wie die Skier über den Schnee, und die Musik erfüllte den Raum mit einer Melancholie, die mich jedes Mal zum Weinen brachte.
Sie sprach von ihrer Tochter, die so begabt war, so klug, so schwierig:“Das wei? ich,Sie hat das Feuer in sich,das Feuer, das ich nie hatte. Aber ich fürchte,ich fürchte, dass sie mich dafür hassen wird. Dass sie in mir nicht die Mutter sieht, die sie gebraucht h?tte, sondern die Frau, die sie verlassen hat.”Ich wusste nichts zu sagen,Was h?tte ich auch sagen sollen? Ich war keine Mutter.Ich hatte nie Kinder gewollt, nie Kinder gehabt. Aber in diesem Moment, als ich sie ansah,diese starke, unerschrockene, zerbrechliche Frau,wünschte ich mir, ich k?nnte ihr die Welt schenken. “Sie wird dich verstehen. Eines Tages. Vielleicht nicht jetzt, aber eines Tages. Weil die Wahrheit st?rker ist als der Schmerz. Und weil Liebe,auch wenn sie fehlerhaft ist, auch wenn sie wehtut.”
Achtes Blatt
es war im Frühling, der Schnee begann zu schmelzen, die ersten Blumen lugten aus der Erde,sagte sie mir, dass sie gehen müsse.
Ihre Tochter brauchte Geld für die Schule, und Huang Yifan musste nach China zurückkehren, um es zu organisieren. Es gab Erbschaften, Grundstücke, Antiquit?ten……Dinge, die sich nicht von Europa aus regeln lie?en.
“Ich werde wiederkommen” sagte sie. Aber in ihren Augen sah ich, dass sie es nicht glaubte.“Das ist Abschied”, sagte ich. Sie nickte. “In meinem Land sagt man: Tiānxià wú bù sàn zhī yánxí. Es gibt kein Bankett unter dem Himmel, das nicht irgendwann endet. Wir haben unseres gehabt. Drei Monate. Mehr, als ich je zu hoffen wagte.”Ich stand auf. Meine Beine zitterten. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, es würde mich verraten.“Dann lass mich dir etwas sagen,Nǚ wèi zhījǐ zhě hòu.Du wei?t, dass ich kein chinesisches Sprichwort kann. Aber ich kann dir sagen, wie es ist, in den Bergen zu leben. Die meisten Menschen……die meisten Menschen sind allein. Das ist kein Unglück, das ist die Regel. Die Einsamkeit ist der Normalzustand eines Lebens. Aber manchmal,manchmal kommt jemand, und für eine Weile sind zwei nicht mehr allein. Man teilt die K?lte, den Wind, den Schnee. Man w?rmt einander. Man l?chelt. Man weint. Und dann geht diese Person wieder, und man ist wieder allein,aber nicht mehr so allein wie vorher. Weil etwas geblieben ist. Ein Echo. Ein Schatten,Eine Erinnerung. Etwas, das einen durch die langen N?chte tr?gt, durch die stillen Morgen, durch die Jahre, die kommen.”Ich hielt inne, Meine Stimme brach,Aber ich sprach weiter:“Du hast mir drei Monate geschenkt, Yifan,Dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Und wenn du gehst,dann werde ich hierbleiben. Nicht aus Pflicht, nicht aus Hoffnung, sondern weil dies mein Platz ist. Mein Berg. Mein Schnee. Und weil die Erinnerung an dich,dieses Gelb im Wei?, dieses Lachen im Wind, diese Fü?e, die fliegen,stark genug ist, um mich für viele, viele Jahre zu w?rmen.”
Sie weinte. Ich weinte. Wir hielten uns fest, so fest, als k?nnten wir uns gegenseitig davon abhalten, zu verschwinden.Sie küsste mich,Ich sah ihr nach, wie sie die Stra?e hinunterging, kleiner und kleiner, bis sie nur noch ein gelber Fleck war im Grau des Abends. Und dann,dann war sie verschwunden.
Neuntes Blatt
Sie kam nicht wieder. Das wusste ich. Das hatte ich gewusst, von dem Moment an, als sie ging.
Ich erhielt noch ein paar Briefe von ihr, aus Shanghai, aus Hongkong, aus London, Aber die Briefe wurden seltener, die Worte kürzer, die Abst?nde gr??er. Irgendwann kamen keine mehr.
Ich fuhr weiter Ski,Ich tat all die Dinge, die ich immer getan hatte, und ich tat sie gut. Aber in mir war etwas anders,Eine Stille, die vorher nicht da gewesen war. Ein Schmerz, der nie ganz verheilte. Eine Sehnsucht, die sich nicht stillen lie?.
Die Jahre vergingen. Ich wurde alt. Meine Knie schmerzten, meine H?nde zitterten, meine Augen wurden schlecht. Eines Tages, das wei? ich jetzt, werde ich nicht mehr Skifahren k?nnen. Nicht mehr laufen. Nicht mehr atmen.
Aber bevor das geschieht, wollte ich dir dies schreiben, Gertrud. Dir, die du mich gefragt hast, ob es in Ordnung sei, eine Frau zu lieben. Ob es einen Namen gebe für das, was du fühlst. Ob du die Einzige seist, die so empfinde.
Du bist nicht die Einzige.
Ich habe sie geliebt, diese Frau aus China, diese Gelbe im Wei?en, diese Fliegende in den Bergen. Ich habe sie geliebt, ohne es ihr zu sagen, ohne es mir selbst einzugestehen, ohne zu wissen, dass das, was ich fühlte, einen Namen hatte. Und ich bereue nichts. Nicht die drei Monate, die wir hatten. Nicht die Jahre, die ich auf sie wartete. Nicht den Schmerz, der blieb, als sie ging.Denn ohne sie,ohne diesen Winter, ohne diese Frau, ohne dieses Gelb im Schnee,w?re ich nicht die geworden, die ich bin. Eine Frau, die gelernt hat, dass Freiheit nicht bedeutet, allein zu sein. Dass Liebe nicht bedeutet, zu besitzen. Dass das Leben,dieses kurze, flüchtige, wunderbare Leben,nur dann seinen Sinn erfüllt, wenn man es wagt, das Unm?gliche zu lieben.
Also liebe, Gertrud. Liebe, wen du liebst. Fürchte dich nicht vor den Blicken, den Worten, den Urteilen. Denn am Ende,am Ende z?hlt nur eines: Dass du gelebt hast,Dass du gefühlt hast, Dass du da warst, für einen Moment, für eine Stunde, für einen Winter, und dass du in diesem Moment mehr warst, als die Welt dir jemals zugestehen wollte.
Das hat sie mich gelehrt. Huang Yifan. Die Fliegende Fremde.
M?ge der Schnee leicht sein auf deinen Wegen.
In ewiger Verbundenheit,
Elsa Roth